Vom Gift im Brunnen und der Rückkehr zu uns selbst
Artikel als Podcast

Seit vielen Jahren setze ich mich mit Fragen des Menschseins auseinander und erleben das Leben als einen großen Erkenntnisprozess.
Mein Angebot umfasst Beratung in Lebensprozessen sowie Unterstützung im digitalen Alltag – von der Computerhilfe bis hin zu Marketing und Sichtbarkeit.
Ich bin Heiko, der Host und meine Partnerin Anne wird gelegentlich den Podcast begleiten.
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High Tech, Low Empathy?
Was mich echt immer wieder beschäftigt, ist der Zustand unserer Gesellschaft. Wir erleben eine atemberaubende technologische Entwicklung: Wir erschaffen smarte Werkzeuge, die uns Arbeit abnehmen, uns weltweit vernetzen und den Alltag scheinbar vereinfachen. Doch gleichzeitig reiht sich Krise an Krise. Gewohnte Sicherheiten brechen weg, alte Strukturen geraten ins Wanken und hinterlassen spürbare Verunsicherung.
Es ist ein seltsamer Zwiespalt: Wir verfügen über das Wissen, was all das mit uns macht – und stehen gleichzeitig mit einer Mischung aus Ohnmacht und Trägheit vor der Frage, wie wir diese Rasanz in konstruktive Bahnen lenken können.
Mir geht es dabei nicht um Richtig oder Falsch. Ich möchte niemanden verurteilen. Wir alle bewegen uns in gewachsenen Systemen, die über Generationen entstanden sind. Sie waren nie perfekt, sondern befanden sich schon immer im Wandel. Ich möchte heute einfach ein paar Beobachtungen mit dir teilen. Vielleicht löst es etwas in dir aus – und im besten Fall entsteht ein Impuls, wie wir dem Ganzen im Alltag menschlich begegnen können.
Alltägliche Aggression als neuer Standard
In den letzten 10 bis 20 Jahren hat sich das Miteinander spürbar verändert. Während schwere Kriminalität statistisch oft stabil oder niedrig bleibt, verroht die alltägliche Kommunikation.
Aggression, extreme Dünnhäutigkeit, verbale Abwertungen und ein spürbarer Verlust an Respekt nehmen zu – ganz besonders gegenüber den Menschen, die im Dienst der Allgemeinheit stehen: Rettungskräfte, Pflegepersonal, Lehrkräfte oder Busfahrerinnen und Busfahrer. Rote Linien des Anstands verschieben sich unbemerkt nach hinten. Was vor Jahren noch einen Aufschrei ausgelöst hätte, wird heute mit einem Achselzucken hingenommen. Wir gewöhnen uns schleichend an das Gift im Brunnen.
Warum die Zündschnur so kurz wird
Die Ursachen dafür sind keine Geheimnisse oder in der Gesellschaft nicht bewusst; die Soziologie und Psychologie kennen die Treiber sehr genau.
Es ist ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren, die sich gegenseitig befeuern:
Digitale Konditionierung: Ein großer Teil unseres Lebens findet online statt. Die Algorithmen kommerzieller Plattformen belohnen Erregung, Wut und Spaltung, weil das Klicks und Verweildauer bringt. Das Netz wirkt wie ein emotionales Trainingslager – und die dort praktizierte und irgendwann eingeübte Schärfe schwappt ungefiltert in den analogen Alltag über.
Dauerkrisen und Ohnmachtsgefühle: Die dichte Abfolge globaler Umbrüche erzeugt unbewusste Zukunftsangst und Kontrollverlust. Und biologisch gilt: Aus Angst wird im Gehirn blitzschnell Abwehr, Wut und die Suche nach Sündenböcken.
Chronische Erschöpfung: Ständige Erreichbarkeit und Reizüberflutung rauben uns echte Erholung. Neurowissenschaftlich betrachtet verliert ein überlastetes Nervensystem schlicht die Kraft zur Impulskontrolle. Die Reaktionen brechen ungebremst hervor. Ich glaube, diesen Zustand kennen wir alle.
Der Verlust von Leitplanken: Frühere gesellschaftliche Institutionen und ungeschriebene Spielregeln verlieren an Bindungskraft. Das hinterlässt oft keine befreiende Weite, sondern eine Orientierungslosigkeit. Und wer sich im Inneren verunsichert oder angreifbar fühlt, schaltet unbewusst in den Verteidigungsmodus – und der sieht oft wie ein Angriff aus.
Das Paradoxon des ungenutzten Wissens
Das eigentliche Paradoxon unserer Gegenwart lautet: Wir wissen es doch.
Bibliotheken und Server sind voll von fundierten Studien über soziale Bruchlinien, Überlastung und gesellschaftliche Spaltung. Das Wissen ist da.
Dennoch fühlen wir uns oft gelähmt. Große politische und wirtschaftliche Apparate agieren zäh, stecken in kurzen Wahlperioden fest oder sind schlicht zu fragmentiert, um vorausschauend gegenzusteuern. Vieles dient primär dem wirtschaftlichen Selbstzweck und der Gewinnmaximierung. Die Gesellschaft gleicht einem trägen Riesen, der sich erst bewegt, wenn der Schmerz durch eine Zuspitzung unerträglich wird. Ich möchte damit nicht sagen, dass „die Politik“ versagt hat oder „die momentane Wirtschaft“ nur schlecht ist. Wie gesagt, wir leben in gewachsenen Systemen, die immer ein Prozess sind.
Und natürlich blickt jede Generation mit anderen Augen darauf. Mit über 60 Jahren empfinde ich die heutigen Dynamiken stellenweise fast als chaotisch, während jüngere Generationen in diese Normalität hineingeboren wurden und sie ganz anders navigieren.
Was können wir im Kleinen tun?
Wenn äußere Systeme träge sind und alte Leitplanken weichen, stellt sich die Frage: Was liegt in unserer Hand?
Wir können anfangen, den neuen Standard der Verrohung im Alltag leise, aber bestimmt infrage zu stellen. Wenn äußere Strukturen bröckeln, können wir eigene innere Strukturen und Räume schaffen.
Als verlässliche Leitplanke dient uns dabei die bewusste Rückbesinnung auf Werte, Ethik und Menschlichkeit. Ich glaube zutiefst daran, dass wir alle in unserem Inneren einen Zugang dazu haben – und eine Sehnsucht danach tragen. Die einen nach Verständnis und Geborgenheit, andere nach Fairness, Verlässlichkeit und echter Gleichwertigkeit.
Vielleicht bedeutet das ganz praktisch:
Den automatischen Reflex anhalten: Müssen wir wirklich alles sofort bewerten und verurteilen (judgen), was nicht unserer eigenen Normalität entspricht?
Kurz durchatmen und nach innen lauschen: Wenn mich etwas im Alltag triggert oder anspringt – warum reagiere ich gerade so gereizt? Fühle ich mich bedroht? Kränkt es meine Meinung? Und ist die Heftigkeit meiner Reaktion der Situation wirklich angemessen?
Identität von innen heraus finden
Über Generationen hinweg hat uns die Gesellschaft einen Rahmen vorgegeben, wer wir zu sein haben – je nach Beruf, Szene oder Milieu. Jedes Umfeld hatte seine festen Regeln, und viele Menschen haben ihre Identität ganz über diese äußeren Rollen bezogen.
Was wir dabei oft kaum gelernt haben, ist: uns aus uns selbst heraus zu definieren. Herauszufinden, welche Werte mich im Kern ausmachen – unabhängig von Status, Konsum oder äußerem Beifall.
Eine gesunde Gemeinschaft – ob in der Familie, im Team oder in der gesamten Gesellschaft – lebt nicht von Gleichmacherei, sondern von Akzeptanz, Wohlwollen und einem tragfähigen Konsens. Erst wenn wir lernen, uns selbst und anderen mit dieser inneren Ruhe zu begegnen, kann die Vielfalt ihre eigentliche Kraft entfalten.



