Artikel als Podcast

Seit vielen Jahren setze ich mich mit Fragen des Menschseins auseinander und erleben das Leben als einen großen Erkenntnisprozess.
Mein Angebot umfasst Beratung in Lebensprozessen sowie Unterstützung im digitalen Alltag – von der Computerhilfe bis hin zu Marketing und Sichtbarkeit.
Ich bin Heiko, der Host und meine Partnerin Anne wird gelegentlich den Podcast begleiten.
Du möchtest mehr von mir sehen und hören? Besuche gernehttps://heiko-gass.de/
Viele Folgen findest du auch auf meiner Website im Blog zum Nachlesen…

Viele Berufszweige und kreative Bereiche – von der Kunst über die Literatur bis hin zur Musik – spüren momentan eine tiefe Erschütterung durch die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz. Und diese Verunsicherung ist mehr als verständlich. Dahinter stehen Menschen, die Jahre, oft ihr ganzes Leben, in Fertigkeiten, Erfahrungen, Herzblut und Hingabe investiert haben.
Und plötzlich komponiert eine Software Songs auf Knopfdruck, schreibt Romane, generiert fotorealistische Bilder. Musikplattformen werden mit KI-Tracks geflutet, Kunstschaffende schlagen Alarm, in den sozialen Netzwerken brodelt es. Es steht viel auf dem Spiel.
Ich möchte an dieser Stelle einmal ein paar Schritte zurücktreten, um das Ganze mit etwas Abstand zu betrachten.
Technische Umbrüche
Technische Umbrüche gab es schon immer, und jedes Mal standen Existenzen vor einer Neuausrichtung. Früher gehörte es zum Handwerk der Malerei, Pigmente mühsam selbst zu reiben und Farben anzumischen – heute greifen wir zur fertigen Tube. Als im 19. Jahrhundert die Fotografie erfunden wurde, hieß es, die Malerei sei am Ende, weil ein Kasten die Realität schneller und genauer einfing als jeder Pinsel. Doch Malerei ist nicht gestorben; sie hat sich befreit. Sie musste die Welt nicht mehr bloß dokumentieren, sondern konnte ins Abstrakte, ins Gefühlvolle, in den Impressionismus wandern.
Jede dieser Entwicklungen hat Muskelkraft gespart, Werkzeuge demokratisiert und Dinge für viele Menschen bezahlbar und zugänglich gemacht. Mit dem Computer und dem Internet wurde die Bearbeitung von Text, Ton und Bild für fast jeden erlernbar. Berufe sind nicht verschwunden – sie haben sich gewandelt.
Hier und Jetzt
Heute erleben wir jedoch eine andere Dimension. Die KI greift nicht nacheinander in einzelne Nischen ein, sondern verändert unzählige Bereiche gleichzeitig. Und sie trifft auf eine Welt, die sich ohnehin im Umbruch befindet. Die Gesellschaft ist nicht so stabil, wir hatten die Corona-Krise, Kriege, wirtschaftliche Unsicherheiten usw. Für viele ist das jetzt eine reale Bedrohung – für die eigene Existenz, für die Identität und für die Art, sich selbst in die Welt zu bringen.
Weiter mit der Kunst und den kreativen Berufen – was ist eigentlich der Sinn von Kunst?
Wenn man danach sucht, liest man oft schöne Definitionen: Kunst sei der Ausdruck menschlicher Gefühle, sie eröffne neue Perspektiven, schaffe Freiräume zur Reflexion und bilde das Fundament unserer Kultur. Natürlich ist Kunst auch ein Broterwerb – aber in ihrem Kern ist sie Resonanz.
Ein häufiger Vorwurf lautet: Die KI klaut, sie bedient sich nur an bestehender Kunst. Bis zu einem gewissen Grad stimmt das rein technisch. Aber baut nicht fast alles Menschliche auf dem auf, was schon da war? Die Rolling Stones haben den Blues und Rock afroamerikanischer Musiker aufgesogen und weiterentwickelt. In der Medizin, der Philosophie, der Pädagogik – überall lernen wir voneinander, greifen Impulse auf, setzen sie neu zusammen.
Kritiker sagen oft: Eine KI kann nicht wahrhaft kreativ sein, weil sie nichts völlig Neues erschafft. Wenn ich ganz ehrlich bin: Erschaffen wir Menschen denn wirklich etwas fundamental Neues? Ich glaube, dass die Essenz von allem bereits existiert. Wir erfinden keine neuen Grundfarben, wir mischen sie nur anders. Wir erfinden keine neuen Töne, sondern bringen sie in eine andere Schwingung. Menschliche Kreativität bedeutet selten, etwas aus dem absoluten Nichts zu zaubern. Sie bedeutet, Vorhandenes neu zu verweben – gefiltert durch unsere eigene, unverwechselbare Geschichte.
Der Unterschied ist vielleicht nicht das Ergebnis, sondern der Ursprung.
Wenn eine KI nach bewährten Mustern einen Unterhaltungsroman schreibt, der Menschen auf einer Zugfahrt die Zeit vertreibt – oder wenn ein KI-generierter Song im Hintergrund Leichtigkeit schenkt und ein kurzes Lächeln ins Gesicht zaubert: Muss das schlecht sein? Vielleicht ist das einfach eine neue Form von Begleitung im Alltag.
Aber es bleibt ein Unterschied zu dem Werk eines Menschen, der in einer schlaflosen Nacht am Klavier saß, um einen Verlust zu verarbeiten. Oder der eine Leinwand mit einer Wucht bemalt, die aus eigenem Schmerz und eigener Liebe geboren ist. Das eine bedient ein Muster, das andere berührt unsere Seele von Mensch zu Mensch.
Vielleicht zwingt uns diese Technologie dazu, innezuhalten. Viele Mechanismen in unserer Gesellschaft haben sich verselbstständigt – wir haben Kunst oft zur bloßen Ware degradiert, zu schnellem „Content“, der in endlosen Algorithmen-Schleifen konsumiert und vermarktet werden soll. Wenn Maschinen diesen Konsum jetzt im Sekundentakt liefern können, platzt vielleicht eine Blase.
Und genau darin könnte eine Chance liegen: Uns wieder zu fragen, was wir wirklich brauchen.
Brauchen wir noch mehr austauschbaren Inhalt? Oder brauchen wir echten Kontakt? Kunst ist kein Algorithmus zur Bedürfnisbefriedigung. Kunst ist der Spiegel unserer Menschlichkeit, unserer Zerbrechlichkeit, unserer Fehler und unserer Sehnsucht. Und die Fähigkeit, von einem anderen menschlichen Wesen wahrhaftig berührt zu werden – das ist etwas, das uns keine Maschine je nehmen kann.
Eigentlich war ich hier mit diesem Script fertig, doch dann schoss folgendes Thema in die Medien.
Wie nah wir an diesem Wendepunkt bereits dran sind, zeigt ein Ereignis, das genau in diesen Tagen durch die Medien und die Tech-Welt schießt. Es liefert uns das perfekte, fast schon radikale Anschauungsmaterial für das, worüber wir gerade sprechen.
Der US-amerikanische Software-Entwickler Brandon Thomas hat unter dem Namen ArtCraft etwas getan, das vor wenigen Monaten noch als unmöglich galt: Er hat im Alleingang kostenlose, voll funktionsfähige Klone von gigantischen Software-Suiten wie Adobe Photoshop und Microsoft Word gebaut. Programme, für die Tech-Konzerne früher Hunderte Entwickler, jahrelange Arbeit und Millionen von Dollar brauchten.
Wie hat er das geschafft? Nicht, indem er jede Zeile Code selbst tippte. Er hat das handwerkliche Schreiben komplett an eine generative Künstliche Intelligenz ausgelagert – in seinem Fall an das KI-Modell Claude Opus. Brandon selbst wurde vom klassischen Programmierer zum Kurator, zum Architekten, zum Regisseur einer Maschine.
Warum erzähle ich das in einer Folge über Kunst und kreative Berufe? Weil Brandons Projekt die perfekte Analogie für das ist, was gerade in der Kreativwirtschaft passiert. Er hat dieses Projekt aus purem Protest gegen die Abo-Modelle und Knebelverträge der großen Konzerne gestartet. Er wollte zeigen: Die Macht wandert gerade zurück zum Individuum. Software, Musik, Bilder – all das wird durch die KI demokratisiert. Die Werkzeuge sind für jeden da.
Und genau hier schließt sich der Kreis zu unserer Frage nach dem Sinn: Wenn ein einzelner Mensch mit einer KI an einem Wochenende Photoshop nachbauen kann, dann verliert das reine Handwerk des Programmierens an exklusivem Wert. Genauso wie das reine Erzeugen eines netten Bildes oder eines radiotauglichen Popsongs durch KI entwertet wird, weil es im Sekundentakt kopierbar ist.
Was Brandon im Bereich der Software zeigt, gilt für die Kunst umso mehr: Das „Wie“ – die handwerkliche Produktion, das fehlerfreie Tippen von Code oder das saubere Mischen von Farben – wird zur Nebensache. Was bleibt, ist das „Was“ und das „Warum“.
Es ist die menschliche Vision. Brandon hatte die Wut im Bauch über Konzerne und die kreative Idee, etwas zu verändern. Die KI war nur sein Pinsel.
Am Ende dieses großen Umbruchs werden wir vielleicht feststellen, dass KI uns nicht ersetzt, sondern uns spiegelt. Sie zwingt uns, das Banale und Austauschbare loszulassen. Wenn Maschinen den „Content“ übernehmen, bleibt für uns Menschen wieder das, was wir am besten können: Echt sein. Mutig sein. Und Geschichten erzählen, die nicht aus einem Algorithmus stammen, sondern aus dem vollen, chaotischen, schmerzhaften und wunderschönen Leben.
Vielen Dank fürs Zuhören bei dieser Folge – und bis zum nächsten Mal.



